Rede von Andreas Skorka zur Ausstellungseröffnung „Radierungen“ von Celal Atalay
Freitag, 20. Mai 2011, 18.00 Uhr
Geschäftsstelle der GEW Nordhessen
Es ist vielleicht gut, dass Celal Atalay mit mir einen Nicht-Künstler und Nicht-Experten für Kunst gebeten hat, zur Eröffnung seiner Ausstellung von Radierungen einführende Worte an Sie, meine Damen und Herren, zu richten. So bleibt Ihnen eine längere Erklärung erspart, was unter Radierungen zu verstehen ist und wie Radierungen entstehen, und Sie können auch mit Sicherheit damit rechnen, dass Ihnen keine Interpretation von einigen der hier ausgestellten Werke aufgedrückt wird.
Was ich hingegen möchte ist, den Künstler Celal Atalay vor dem Hintergrund seines Schaffens und seiner Werke sowie seines Lebens, soweit es mir bekannt ist, zu würdigen.
Wenn man jemanden beruflich oder in gewerkschaftlichen Zusammenhängen kennenlernt, so mag dieses Kennenlernen zunächst sehr oberflächlich sein. Es liegt dabei in der Natur der Sache, dass sich einem nicht gleich der ganze Mensch erschließt (das ist ja auch oft nicht erwünscht!). Bei Celal aber habe ich sehr schnell gemerkt, dass es sich bei ihm um einen außergewöhnlich freundlichen Menschen handelt. Er macht von seiner Person nicht viel Aufhebens, deswegen weiß ich erst seit ein paar Jahren, dass er nicht nur Lehrer, sondern auch ein besonders begabter Künstler ist. Nebenbei bemerkt, bewundere ich bei ihm immer wieder, wie man als Ausländer so hervorragend Deutsch sprechen kann, zumal die Türken behaupten, Deutsch sei viel, viel schwerer als zum Beispiel Türkisch.
Als ich einmal ein paar seiner Radierungen zu sehen bekam, fragte ich ihn, ob er nicht – nach den Ausstellungen seiner Frau Nilgün im Rathaus von Baunatal und auch hier an diesem Ort – auch einmal seine Bilder präsentieren wolle. Ich erhielt keine eindeutige Antwort, nicht einmal eine unverbindliche Absichtserklärung nach dem Prinzip „Man müsste eigentlich mal...“ Deswegen hat es mich umso mehr erfreut, dass es jetzt zu dieser Ausstellung gekommen ist.
„Auswanderung, Arbeitsmigration, Trennung für das Überleben, Existenzkampf, Psychische und physische Verformung, Lebensbedingungen, Sehnsucht, …..“, das sind die Themenkomplexe, wie sie auf der Einladung aufgelistet sind.
Was Celal damit zu tun hat, mag auf der Hand liegen. Oberflächlich betrachtet ist er ein Auswanderer, ein Arbeitsmigrant, der als Türke seinen Lebensunterhalt seit vielen Jahren in Deutschland verdient. Daran, dass er und seine Familie hier angekommen sind (um mal einen in letzter Zeit arg abgedroschenen Begriff zu verwenden), kann kein Zweifel sein. Daran, dass er und seine Familie ihre in der Türkei liegenden Wurzeln weiter behalten haben, kann auch kein Zweifel sein, und das ist auch gut so. Ich glaube, dass sie den Spagat zwischen der Heimat in Deutschland und der Türkei, sozusagen von der Fulda zum Bosporus, hervorragend schaffen, und dazu verhilft sicher nicht nur das Ferienhaus bei Izmir.
Wenn man sich die hier ausgestellten Werke von Celal anschaut, wird unmittelbar deutlich, dass es dabei um sein künstlerisches Schaffen in Bezug zur Arbeitswelt geht. Die Motivation, die Ideen zu diesen Werken, die ja schon mehr als 25 Jahre alt sind, sind in seiner Kindheit und Jugend zu suchen.
Celal war Arbeiterkind in einem Dorf in der Türkei, sein Vater arbeitete als Zimmermann im Baubereich. Und weil es in seinem Dorf nichts zu bauen gab, war er sehr häufig für längere Zeit weg, um auf Baustellen in den Städten das Geld für die Familie zu verdienen. Celal musste – wie er mir in einem langen Gespräch vor ein paar Tagen sagte - als Kind schon hart arbeiten auf dem Feld oder als Hirte, beispielsweise die vollen vier Monate der Sommerferien.
Solche Kinder in Trennungssituationen, auch wenn diese nur vorübergehend sind, sind traurig. Sie leiden, auch daran, dass sie hart arbeiten müssen. Diese Kinder, sagt Celal, haben keine Spielzeuge, sie bekommen keine Schokolade, wie andere das vielleicht im Überfluss haben, ihnen fehlt etwas, was ihnen Freude bereiten kann. Freude finden sie vielleicht, indem sie Bäume beobachten, sich Steine anschauen, auf Motorengeräusche achten, ihre Phantasie zu dem Flugzeug hochsteigen lassen, das gerade einen Kondensstreifen hinter sich her zieht.
Es leidet aber nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter, die getrennt ist vom Ehemann, die mit ihren Sorgen alleine ist, die die Alltagsgeschäfte regeln muss, die mit dem wenigen Geld, das ihr zur Verfügung steht, dafür verantwortlich ist, dass die Familie überlebt. Heutzutage, wo fast jeder ein Mobiltelefon hat, sollte man sich noch einmal vor Augen führen, dass vor fünfzig Jahre nicht nur in der Türkei, auch in Deutschland und fast überall, nur wenige Privatleute Telefon hatten; die normale Kommunikation wurde über Briefe geführt. Da gab es nicht jeden Abend einen ausgiebigen Plausch mit dem Ehemann, der gerade im fernen Istanbul mit an einem Geschäftshaus baute, wie es heute möglich ist.
Als Familienmensch, als den ich mich sehe, darf ich hier einmal Folgendes bemerken: Jeder, der sich die umfassende Sammlung von Ausdrücken für bestimmte Familienangehörige in der türkischen Sprache ansieht, wird unmittelbar einsehen, dass Familie für Türkinnen und Türken noch vielmehr bedeutet als für uns Deutsche.
Wird sind beim Leiden, und leiden tun schließlich auch die Väter und Ehemänner, die in der Landwirtschaft keine Perspektive mehr haben und in die Stadt ziehen müssen, in der Hoffnung, dort den Unterhalt für die Familie verdienen zu können, um die Familie später vielleicht nachkommen zu lassen. Wir können uns auf einigen der Bilder sehr gut die Gruppen von Arbeitern vorstellen, wie sie von ihren eilig erbauten Hütten und Notunterkünften am Berghang heruntersteigen zur Arbeitsstätte oder zu dem Platz, an dem sie hoffen, vielleicht für ein paar Tage als Arbeitskraft angeheuert zu werden. Landflucht ist nicht nur in Brasilien, Mexiko oder Ägypten ein Problem, sondern auch in der Türkei (in Deutschland übrigens auch, nur nicht so gravierend). Die rasante Entwicklung zum Beispiel von Istanbul zur Megastadt ist bezeichnend genug. Und Celal thematisiert das Problem Landflucht in seinen Werken, ist sie doch auch ein Teil der Migration.
Trennung hat Sehnsucht zur Folge. Was hilft ist, wenn die Trennung nicht zu beenden ist, die Hoffnung. Der Volksmund sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Das heißt, solange es einen Funken Hoffnung gibt, kann man noch nach vorne schauen. Wahrscheinlich kann jeder sich an Situationen erinnern, in denen die Hoffnung ihm Stärke verlieh. Hoffnung haben bedeutet, dass man nicht immer traurig sein muss, dass man sich die Möglichkeit einer positiven Perspektive offen hält.
Vielleicht ist es ein kleines Wunder, das Celal Atalay aus seinem kleinen Dorf an eine Universität nach Istanbul brachte. Sicher war es auch sein Talent, das ihn die Aufnahmeprüfung bestehen ließ. Er bekam ein vom Staat bezahltes Stipendium, lebte in einer Internatsschule, und weil er das Vertrauen der Professoren hatte, bekam er die Schlüssel für die Werkstätten ausgehändigt, so dass er auch nachts arbeiten konnte.
Beschäftigungen können süchtig machen. Wer an einem riesengroßen Puzzle hängt, findet mitunter nicht ins Bett und macht die Nacht zum Tag. So ähnlich muss es Celal ergangen sein, er arbeitete in der Metallwerkstatt, in der Bildhauerwerkstatt, mit Lehm und Beton. Seine Arbeiten wurden auf dem Gelände der Universität ausgestellt.
1975 machte er den Abschluss als Lehrer an der Marmara-Universität in Istanbul. Der Abschluss hatte ihm aber nicht genügt, er wollte nicht gleich als Lehrer arbeiten. Zwar ging er für kurze Zeit doch als Lehrer nach Ostanatolien, kündigte aber bald.
Hatte er in Istanbul Malerei studiert, so wollte er jetzt noch grafische Techniken lernen.
Vielleicht war es der Rat eines Professors, dass Celal nach Deutschland ging und 1976 ein Kunststudium an der Gesamthochschule in Kassel begann. Sein Studienschwerpunkt war Freie Grafik. Schon während des Studiums, genau genommen 1977, begann er zu unterrichten, zunächst an der Struthbachwegschule, dann an der Carl-Anton-Henschel-Schule. Als es 1980 einen Militärputsch in der Türkei gab, rieten ihm seine türkischen Professoren, in Deutschland zu bleiben. Vielleicht wäre es für ihn als durch und durch politischer Mensch gefährlich in der Türkei geworden. Auch wenn es später immer wieder die Gelegenheit gegeben hatte, eine Professur in der Türkei zu übernehmen, hielt es ihn in Deutschland.
1983 machte er sein Examen in Kassel. Das Thema seiner Abschlussarbeit war „Probleme der türkischen Arbeitnehmer“, der Studienabschluss erhielt die Note (ich darf das sagen, da ich zu keiner Geheimhaltung verpflichtet bin) sehr gut.
Was Celal aus seinen Werken hier für uns herausgesucht hat, stammt weitgehend aus seiner Abschlussarbeit. Der Fachbereich 23 – Visuelle Kommunikation würdigt diese Arbeiten im Zeugnis folgendermaßen:
„Die Arbeiten sind in ihrer schönen Einfachheit und durch ihre charakteristische Farbgebung künstlerisch hoch zu bewerten. Sie haben in ihrer Herbheit einen besonderen Stimmungsgehalt und spiegeln Land und Leute in der Türkei.“
Auf das letztere möchte ich doch einmal kurz eingehen. Schauen wir uns die Grafik „Frau mit ihrem Kind“ an. Celal hat diese Szenen oft erlebt. Er weiß von seiner Mutter, dass er so getragen worden ist, er zeigt, wie Frauen ihre Kinder bei der Arbeit, bei der Feldarbeit, vielleicht auch bei der Hausarbeit, tragen. Ihm hat niemand Modell gesessen. Was er künstlerisch darstellt, muss er gesehen haben.
Ich habe Celal gefragt, wie er zu einer Fortsetzung seiner künstlerischen Arbeit stehen würde. Kassel wird in zwei Jahren 1100 Jahre alt. Bei den Feierlichkeiten wird die Nachkriegsgeschichte eine wichtige Rolle spielen, und der Rückblick wird auch die Bedeutung der Migration für Kassel würdigen. Das wäre doch ein interessantes Arbeitsgebiet.
Ist Celals Kunst herb, wie die Hochschule sagt? Ist sie schön? Ich weiß es nicht. Kunst muss nicht schön sein, sagt Celal. Er vertritt die Auffassung, dass Kunst der Gesellschaft dienen muss, dass sie kritisch und politisch sein muss. Ich glaube, das kommt in den hier gezeigten Werken zum Ausdruck.
Ich möchte dir ganz herzlich danken, dass du uns die Gelegenheit gibst, diese Werke zu betrachten.
Çok teşekkür ederim, arkadaşım Celal!